"Ich sehe nicht, was Du gut siehst" - Verkehr aus Kindersicht    

Neulich wurde mein kleiner Sohn beinahe von einem Radfahrer umgefahren. Für mich - wie für viele Eltern - ein Schock, das eigene Kind beinahe verunglücken zu sehen. Trotz allem war es aber lehrreich, denn ich habe jetzt eine grundlegende Herausforderung der Verkehrssicherheit von Kindern verstanden. Und einen guten Ansatz, was Eltern sowie Auto- und Radfahrer tun können.

Am Morgen verabschieden wir Eltern unsere Kinder und hoffen, dass sie sicher unterwegs sind. Dass sie aufpassen und sich an die Verhaltensregeln halten, die wir ihnen beigebracht haben. Dass Autofahrer, Biker und Radfahrer sie nicht übersehen. Aber reicht das? Nach der Beinahe-Kollision meines kleinen Sohnes mit einem Radfahrer habe ich mir Rat bei ADAC Verkehrspsychologin Nina Wahn geholt. Sie hat mir klar gemacht, dass Kinder die Dinge oft anders sehen und Straßen, Gehwege sowie Verkehrssituationen aus einer anderen Perspektive erleben, vor allem weil sie kleiner sind. Wir sollten versuchen, die Welt vermehrt aus Kinderaugen zu sehen, wenn wir noch mehr für die Sicherheit der Kinder im Verkehr tun möchten. Im Video lassen wir sie zu Wort kommen:

So war es auch, als mein Sohn fast frontal in einen Radfahrer gelaufen ist. Im letzten Moment konnte ich ihn zur Seite reißen um ihn dann (dummerweise) anzupflaumen warum er denn nicht aufpasse, da käme doch ein Radfahrer. „Nein Mama, den habe ich gar nicht gesehen, da stand nämlich eine Mülltonne.“ Tatsächlich, da stand eine Tonne am Straßenrand und verdeckte seine Sicht, ich hatte sie gar nicht wahrgenommen. Im Prinzip haben sich hier alle Beteiligten an die Regeln gehalten, der Radfahrer durfte dort fahren und ich habe meinem Kind beigebracht, dass es am Rand gehen und nach vorne schauen soll, wenn es an der Straße entlang geht. Er war einfach wortwörtlich zu klein, um die Gefahr zu sehen.

 

Nina Wahn - Verkehrspsychologin

Kinder können zum Beispiel ausfahrende Autos hinter einer Hecke nicht sehen, sie "verstecken" sich unabsichtlich hinter Schildern auf Verkehrsinseln, die aber dort angebracht werden müssen. Kinder trennen Spielfläche und Fahrbahn nicht so deutlich wie wir Erwachsene. Während wir brav hinter der Linie auf den Bus warten, ist für Kinder vieles Spielfläche. Das kann sie in Gefahr bringen.

Perspektivwechsel hilft bei der Verkehrssicherheit

Der Anfang der Lösung ist das grundlegende Verständnis, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind. Sie haben aufgrund ihrer Größe eine andere Perspektive. Jeder, der in einer belebten Verkehrssituation oder auf einer Verkehrsinsel einfach mal in die Knie geht, kann dies leichter nachvollziehen. Stehende und fahrende Fahrzeuge sind für Kinder eine Sichtbehinderung. Das Blickfeld von Grundschülern ist zudem wesentlich kleiner als bei einem Erwachsenen. Kinder sind leichter ablenkbar und haben eine verlängerte Reaktionszeit sowie Schwierigkeiten, Geräusche genau zu lokalisieren. Mit diesem Hintergrundwissen fällt es Auto- und Fahrradfahrern sicher leichter, passend zu reagieren, damit die Kindersicherheit möglichst hoch ist.

Was können wir Erwachsene für die Verkehrssicherheit der Kinder tun?

Wir wissen es doch eigentlich alle, da ist die Sache mit dem Vorbild (Zebrastreifen nutzen, Helm tragen, auf Grün warten etc.), denn Kinder lernen am besten, wenn wir es vormachen. Nina Wahn rät dazu, sich das eigene Kind und sein Verhalten im Verkehr genau anzusehen: das eine Kind beherrscht das Verhalten im Verkehr besser, das andere Kind wird leichter abgelenkt und benötigt mehr Anleitung - beides ist total in Ordnung

Seit ich mich mehr mit der anderen Perspektive der Kinder beschäftigt habe, bin ich wachsamer - vor Schulen und bei Kindern am Fahrbahnrand bin ich in Zukunft immer bremsbereit, denn auch ich bin eine Autofahrerin. Und wenn ich als Radfahrerin Kinder auf mich zukommen sehe, bin ich es auch. Ich habe in den letzten Wochen meinen Sohn gut beobachtet und ihm anhand des Videos gezeigt, dass er manchmal nicht gesehen wird – und mit ihm noch weiter geübt und geübt. Wie geht es Euch, was habt Ihr für Erfahrungen und Ratschläge, das würde uns interessieren: Gerne könnt ihr in der ADAC-Community diskutieren.

Eltern können zum Beispiel vorbeugen, indem sie lange vor Schulbeginn mit ihren Kleinen den Schulweg trainieren, denn Schulanfänger sind aufgrund ihres Entwicklungsstandes den komplexen Situationen des Straßenverkehrs nicht gewachsen und schnell überfordert. Weitere Informationen zur Schulwegsicherheit findet ihr hier. 

Darüber hinaus bieten wir Verkehrssicherheitsprogramme an, an dem jährlich mehr als eine halbe Million  Kinder teilnehmen. Zum Beispiel:

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