Streitatlas: Hier sind die Autofahrer am aggressivsten

Zu schnell gefahren, rote Ampel übersehen und Blechschäden: Dies sind nur drei Gründe für Autofahrerstreit auf Deutschlands Straßen. Das zeigt „Deutschlands Großer Streitatlas 2017“, eine Studie, für die die Rechtsschutzversicherung Advocard (Generali) insgesamt 1,7 Millionen Streitfälle gesammelt und ausgewertet hat. Der Ärger im Straßenverkehr ist groß – mehr als jeder vierte Streit entsteht in diesem Bereich, so die Autoren der Studie. Wo in Deutschland die Autofahrer besonders aggressiv sind und was unsere Verkehrspsychologin dazu sagt, erfahrt ihr hier.

Auf Bundeslandebene sind laut Streitatlas Nordrhein-Westfalen und Brandenburg mit 8,0 Streitigkeiten pro 100 Einwohnern Spitzenreiter, gefolgt vom Saarland und von Hamburg mit je 7,8. Kein Wunder, dass Nordrhein-Westfalen die Liste anführt, weist das Bundesland doch die höchste Bevölkerungsdichte abseits der Stadtstaaten und gleichzeitig das höchste Verkehrsaufkommen auf. Dass sich Brandenburgs Autofahrer ebenso häufig zoffen, könnte mit den gut ausgelasteten Straßen mit vielen Pendlern von und nach Berlin und Potsdam zusammenhängen: Geschwindigkeitsüberschreitungen machen nämlich einen großen Teil der Verkehrsstreitfälle in diesem Bundesland aus. Interessant: Berlin selbst belegt lediglich den 5. Platz im Ranking. Grund dafür könnte die steigende Nutzung alternativer Verkehrsmittel sein.

Die gelassensten Autofahrer

Die große Überraschung: Laut Streitatlas ist Bayern Schlusslicht des Bundesländer-Rankings! Nur 5,7 Streitigkeiten pro 100 Einwohner sind im flächenmäßig größten Bundesland zu verzeichnen. Gleich 9 Landkreise in den Top 10 der friedlichsten Verkehrsteilnehmer befinden sich in Bayern. Die streitlustigsten Autofahrer kommen aus den Landkreisen Cloppenburg (Niedersachsen) und Limburg-Weilburg (Hessen) und der kreisfreien Stadt Wiesbaden (Hessen). Warum das so ist, ist unklar.

Dass vor allem auf Straßen ländlicher Gegenden weniger gezankt wird, verwundert nicht. Das Verkehrsaufkommen dort ist viel geringer. In der Grafik sieht man die Verteilung der Streitfälle. Den meisten Zoff gibt es in roten Regionen, den wenigsten in dunkelgrünen.

 

Streitatlas: Straßenverkehr wird aggressiver

Laut Streitatlas ist die Anzahl der Verkehrsstreitigkeiten innerhalb von zwei Jahren um knapp 28 Prozent gestiegen. Auch unsere Mitglieder berichten davon, dass sie eine Zunahme aggressiven Verhaltens im Straßenverkehr beobachten. Laut einer "Motorwelt"-Umfrage sind fast alle Autofahrer schon einmal Opfer rücksichtlosen Verhaltens geworden.

Verkehrspsychologin Nina Wahn

Wir haben dazu unsere Verkehrspsychologin Nina Wahn befragt:

Woher kommt es, dass so viel gestritten wird?

Individuell gibt es natürlich große Unterschiede in den verschiedenen Ausprägungen aggressiven Verhaltens. Gerade in Städten wird durch steigendes Verkehrsaufkommen der Raum knapp, dazu kommt häufig ein subjektiv wahrgenommener oder auch vorhandener Zeitdruck, unter dem wir dann schneller das Verständnis für andere Verkehrsteilnehmer verlieren. Darüber hinaus wissen wir, dass das Thema der ständigen Erreichbarkeit eine tatsächlich wachsende Rolle spielt.

• Warum lassen sich manche Menschen so gehen, sobald sie im Auto sitzen?

Emotionale Aggressivität ist ein Erregungszustand, der aus negativen Gefühlen resultiert. Sie entspringen häufig Frustrationen. Das Auto gibt uns außerdem eine gewisse Anonymität, eine Schutzhülle, da auf eine aggressive Reaktion meist keine direkte, die eigene Person betreffende Rückmeldung erfolgt.

Wenn ich merke, ich werde aggressiv – wie kann ich gegensteuern?

Am besten ist es, wenn man Stress und Frustration gar nicht erst aufkommen lässt. Hilfreich ist, wenn man vor Fahrtantritt Routen genau plant, Zeitpuffer einbaut. Wenn negative Gefühle oder eine negative Grundstimmung bereits da sind, sollte man sich bewusst machen, dass Frustration die Situation nicht auflöst. Hat man sich zum Beispiel gerade mit dem Partner oder Chef gezofft, sollte man nicht gleich ins Auto steigen. Weitere Tipps bei Aggressionen, die während der Fahrt auftauchen: Atemübungen, eine kleine Pause, frische Luft und Bewegung helfen, sich zu beruhigen und dann entspannt weiterzufahren.

Viele Streits entstehen laut Streitatlas nach einem Autounfall. Was raten Sie Autofahrern?

Auch wenn es leicht gesagt ist: Wichtig ist es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Jede Reaktion kann auch aus dem Schock entstehen, das sollte man auch dem Unfallgegner zugestehen und sich nicht provozieren lassen. Einen Unfall hat schließlich niemand gewollt.

Was streitlustige Autofahrer unbedingt wissen sollten

Beleidigungen oder Nötigungen im Straßenverkehr sind kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat. Und die kann eine hohe Geld- oder Freiheitsstrafe nach sich ziehen. Erfahrt dazu mehr in unserer Motorwelt-Reportage.

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