Auto-Software-Updates: Ab sofort nur noch online?

Autorückrufe aufgrund von sicherheitsrelevanten Software-Fehlern sind heute Alltag. Bis jetzt werden die erforderlichen Software-Updates in einer Werkstatt über Kabel in die Systeme eingespielt. Was bedeutet es, wenn derartige Updates in Zukunft nur noch online, also ohne Werkstattbesuch aufgespielt werden? So wie man es vom Smartphone kennt.

Die Kosten für Autorückrufe wegen Software-Fehlern sind in den letzten Jahren erheblich gestiegen und belasten somit die Bilanzen der Autohersteller. Ein Blick in unsere Datenbank zeigt, dass im statistisch besonders transparenten Markt in den USA im Jahr 2007 lediglich 11 Prozent aller Rückrufe auf fehlerhafte Software zurückzuführen waren. 2016 waren es bereits 30 Prozent. Tendenz steigend.

Kein Wunder, führt der Zuwachs an Funktionalitäten doch zu immer mehr Software im Pkw. Die Technische Universität München schätzte 2009 den Softwareumfang bei einem voll ausgestatteten Fahrzeug der Premiumklasse auf etwa 100 Millionen Zeilen Programmcode. 2016 soll dieser Wert bei Fahrzeugen des Herstellers Ford bereits auf 150 Millionen angewachsen sein. In modernen Pkws sind mehr als 100 Steuergeräte verbaut, die nicht nur isoliert agieren, sondern vor allem untereinander kommunizieren. Eine erhebliche Fehlerquelle, der man zu Leibe rücken muss.

Tesla: Software-Update für die Bremsen

Software-Updates ohne Werkstattbesuch und Kabel sind da eine Möglichkeit und auch in Deutschland kein Neuland mehr. Zahlreiche internationale Hersteller arbeiten schon länger nach dem Prinzip der Online-Aktualisierung. Allerdings erstreckten sich diese Updates bisher ausschließlich auf die sogenannten Komfortfunktionen, etwa im Navigations- und Infotainmentsektor. 2015 konnten wir in diesem Zusammenhang Sicherheitslücken bei BMW Connected Drive aufdecken.

Der US-amerikanische Hersteller Tesla hat nun offenbar eine - wenn auch nur imaginäre - rote Linie überschritten. Für das Model 3, den günstigsten Tesla-Stromer, wurde "Over the Air" (OTA) ein Software-Update eingespielt, mit dem Bremsprobleme behoben werden konnten, die das US-Verbrauchermagazin "Consumer Reports" angemahnt hatte.

Unsere Technik-Experten sehen in der Tesla-Aktion das erste branchenweit bekannt gewordene online eingespielte Software-Update, das eine sicherheitsrelevante Komponente betrifft. Technisch gesehen handelte es sich hierbei nicht um einen Rückruf, weil Tesla lediglich auf die Kritik von "Consumer Reports" reagierte - um dessen Qualitätssiegel "Kaufempfehlung" zu erhalten. Die zuständigen US-Behörden hatten keine Sicherheitsmängel erkannt.

Online Software-Updates: Vor- und Nachteile

OTA Software-Updates haben für beide Seiten - Hersteller wie Verbraucher - erhebliche Vorteile, sind aber nicht unproblematisch.

Vorteile

  • deutliche Kostenersparnis für die Hersteller
  • Erfüllungsquoten bei Rückrufen können schneller erreicht werden
  • Komfortgewinn für die Kunden - bequemer und schneller, da kein Werkstatt-Termin mehr nötig

Nachteile

  • Sinkende Motivation für Hersteller, die Software exakt zu testen - rasche Updates sind online möglich
  • Auslieferung von nicht einwandfrei getesteter Software - Qualitätseinbußen in der Produktion
  • Abstraktes Risiko für Kunden - ist das Update wirklich fehlerfrei abgeschlossen? Was wurde verändert?

Dass gerade Qualitätseinbußen durchaus realistisch sind, zeigt eine aktuelle Studie des Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, die zu der Erkenntnis kommt, dass 9 von 16 untersuchten Herstellern im Jahr 2017 wegen sicherheitstechnischer Mängel mehr Fahrzeuge zurückrufen müssen als diese im gleichen Zeitraum verkauft haben.

Software-Updates: Was ist heute technisch möglich?

In Deutschland gab es bis dato noch keinen zu Tesla vergleichbaren Fall. Auch weil das Kraftfahrzeugbundesamt OTA-Updates für Rückrufe momentan noch für unzulässig hält. Technisch möglich wären derartige Software-Updates allerdings durch die Einführung des automatischen Notrufs eCall vom 31. März 2018. Hier wurden die technischen Voraussetzungen für OTA-Updates durch die Ausstattung mit der Kommunikations-Schnittstelle (SIM-Karte) geschaffen.

Das KBA hat nach unseren Informationen zwar noch keine Herstelleranfrage zu OTA-Updates erhalten, eine Genehmigung für online einzuspielende Software-Updates bei sicherheitsrelevanten Komponenten ist nach Ansicht unserer Experten aber nur noch eine Frage der Zeit.

Ein Komfortgewinn für den Kunden darf in keinem Fall zu Sicherheitsproblemen führen. Eine Aktualisierung des Motorsteuergerätes per OTA-Update bedeutet beispielsweise, dass Hacker in der Lage wären, manipulativ einzugreifen und einen Wagen fernzusteuern. Technisch möglich ist dieses Szenario, wenn auch durch entsprechende IT-Sicherheit nicht sehr wahrscheinlich ist.

Jeder Fahrer muss erfahren, welche Updates eingespielt wurden und vor allem, welche Auswirkungen diese auf das Fahrverhalten des eigenen Pkw haben können.

 

In unserem Vernetzungs-ABC erklären wir die wichtigsten Begriffe der vernetzten Mobilität

Wie sicher sind RFID-Kennzeichen?

Das könnte dich auch interessieren

2 Gedanken zu “Auto-Software-Updates: Ab sofort nur noch online?

  1. Eines der Hauptprobleme, die mir dazu einfallen, ist die Verlagerung der Verantwortung vom Hersteller auf den Kunden. Bisher war der Hersteller für das ordnungsgemäße Einspielen (in der Werkstatt) verantwortlich. Bei OTA kann diese Verantwortung auf den Kunden übergehen. Wer ist z.B. haftbar, wenn das Fahrzeug in der Zeit des Updates außer Betrieb oder nicht erreichbar ist und aufgrund des nicht aufgespielten Updates ein Unfall passiert? Der Hersteller wird hier sicher alle Schuld von sich weisen und in Deutschland auch sicher damit durchkommen.

  2. „Unsere Technik-Experten sehen in der Tesla-Aktion das erste branchenweit bekannt gewordene online eingespielte Software-Update, das eine sicherheitsrelevante Komponente betrifft.“
    Was gilt als „sicherheitsrelevante Komponente“? Die Betriebsbremse definitiv, aber viel unkritischer finde ich die Rekuperationsstrategie auch nicht:
    „Im März 2014 wurde das Fahrverhalten meines Fahrzeuges dann per Onlineupdate verändert, ohne irgendeine Ankündigung oder Erklärung.
    Das Verhalten vor der Änderung: Bei hohen Geschwindigkeiten, z. B. 130 mit Tempomat auf der Autobahn, führt eine – auch versehentliche – Deaktivierung des Tempomats zur sofortigen Rekuperation in höchster Stufe. Die Bremslichter gehen an, man wird regelrecht in den Gurt gedrückt. Schon eine erhebliche Gefährdung für nachfolgende Fahrzeuge. Nach der Änderung: Das Fahrzeug segelt zunächst weiter und geht erst sehr verhalten in die Rekuperation über.“
    https://www.heise.de/ct/ausgabe/2015-6-Leserforum-Briefe-E-Mail-Hotline-2551031.html

Schreibe einen Kommentar