Motorradfahren: Mit Spaß und weniger Risiko

Sicheres Motorradfahren bedeutet nicht weniger Spaß auf der Straße.

Motorradfahrer leben gefährlich. Anders als bei Autofahrern trifft es auf zwei Rädern vor allem die Mittelalten. Fast die Hälfte aller tödlich verunglückten Biker ist zwischen 30 und 60 Jahren. Wir haben mit einem begeisterten Biker über Spaß am Motorradfahren, Leidenschaft, Risikominimierung und Sicherheitsaspekte gesprochen. 

Sein erstes Bike war eine gebrauchte Kawasaki Z 750. Die den Kauf genau vier Tage überlebte. Denn da war diese Kuppe auf der kerzengeraden Landstraße, auf die nicht einsehbar eine 90 Grad-Kurve folgte und die Simon Stangl zum Verhängnis wurde. Mit nicht angepasster Geschwindigkeit landete der Anfänger samt Motorrad im Graben. Das Bike war ein Totalschaden, Stangl kam mit dem Schrecken und einigen Schrammen davon.

Falsche Selbsteinschätzung

Demonstration der Maschine

Dieses Schockerlebnis zu Beginn seiner Bikerkarriere im Jahr 2013 hat sich bei Stangl tief eingeprägt. „Ich hatte einfach viel zu wenig Erfahrung“, berichtet er selbstkritisch im Rückblick. „Im ersten Moment überwog der Ärger über den Verlust der Maschine, aber mir war schnell klar, dass ich Glück gehabt hatte. Einfach nur Glück. Und vor allem, dass ich so nicht weiterfahren wollte.“ An den Ort seines Unfalls ist Stangl zwar seitdem nicht zurückgekehrt, hat sich aber rasch wieder auf eine neue Maschine gesetzt – auch, um ein Trauma zu vermeiden.

Seitdem hat Stangl mehrmals kritische Situationen mit seinem Bike erlebt, ist aber von einem weiteren Unfall verschont geblieben. Er führt dies vor allem auf seine veränderte Einstellung zum Motorradfahren zurück. Heute geht er die Sache mit Bedacht an. „Das war ganz klar mein eigener Fehler, falsche Selbsteinschätzung eben“, sagt Stangl und fügt hinzu „Das passiert mir kein zweites Mal“.

Sicherheit geht bei Motorradfahrern vor

Simon Stangl auf seiner BMW F 800 GS. Viel Komfort für 1,90 Meter Körpergröße.

2018 hat er sich ein neues Motorrad zugelegt, eine BMW F 800 GS. Eine Reise-Enduro, die der Hersteller als „das sportlichste Mitglied der großen GS-Familie“ beschreibt. „Ich habe mich für diese Maschine entschieden, weil ich mit 1, 90 m Körpergröße einfach viel Komfort benötige. Sitzkomfort.“ Aber auch die erweiterten sicherheitstechnischen Optionen des Bikes haben ihn gereizt, denn gerade mit ABS fühlt er sich auf der Straße deutlich sicherer. Seit drei Wochen ist er nun wieder unterwegs, „quasi noch in der Eingewöhnungsphase“ in die neue Saison, die für ihn bis Ende November dauert. Wenn keine außergewöhnlichen Touren anstehen, fährt Stangl etwa 6.000 Kilometer pro Jahr.

Hauptursache für Unfälle mit Motorrädern ist die „nicht angepasste Geschwindigkeit“, gerade die 25- bis 55-Jährigen sind zu flott unterwegs, wie unsere Unfallstatistiken zeigen. Unfallhochzeiten sind – meteorologisch erklärbar – die Sommermonate, in denen die meisten Verkehrsteilnehmer unterwegs sind. Aber auch der Beginn der Motorradsaison ist kritisch, wie Simon Stangl weiß.

„Allein die Tatsache, dass die Motorradfahrer nun wieder auf den Straßen unterwegs sind, ist für die meisten Autofahrer ungewohnt. Zweiräder werden oft übersehen. Dazu kommt, dass meine Fähigkeiten als Biker natürlich über den langen Winter ‚einrosten‘.“ Jedes Frühjahr gehe es deshalb darum, die ersten zwei- bis dreihundert Kilometer sehr vorsichtig und defensiv zu fahren. „Jedes Frühjahr ist wieder ein Neuanfang.“

Motorradfahren ist eine Leidenschaft – für Jung und Alt

Das gilt seiner Auffassung nach für Motorradfahrer jeden Alters, für Jung und Alt gleichermaßen. „Motorradfahren ist eine Leidenschaft, getreu dem Motto ‚Der Weg ist das Erlebnis‘. Nach den Wintermonaten habe ich totale Lust auf das Bike, eine riesige Vorfreude. Nein, ich habe ein echtes Bedürfnis, das befriedigt werden muss. Fast wie bei einem Cabriofahrer, der die ersten Sonnenstrahlen förmlich herbeisehnt“, erklärt Stangl mit sichtlicher Vorfreude in der Stimme.

Risiken minimieren für Motorradfahrer

Der Blick in den Spiegel kann Leben retten.

„Aber eben weil ich das Biken so cool finde, lauert auch die Gefahr der Selbstüberschätzung. Gerade zu Anfang der Saison. Das ist so eine Art ‚Kontrollillusion‘: Ich weiß zwar genau, dass es Risiken gibt, aber für mich gelten ja die nicht – denn ich bin sowieso der Beste. Der Coolste. Von dieser Einstellung sollte man sich als Biker schnell verabschieden – wenn man lange fahren möchte“. Gerade Männer über 50, die schon lange nicht mehr Motorrad gefahren sind und die sich – aus welchen Gründen auch immer – nun ein technisch hochgerüstetes Bike mit Power zulegen, zeigten diese Haltung. „Eine Hochrisikogruppe, wenn die sich völlig ohne Vorbereitung oder Training auf das Bike setzt. Die mögen das gar nicht, wenn ihnen ein Trainer auf den Kopf zusagt, dass ihre Fahrkünste eingerostet sind. Training ist uncool, höre ich dann oft. So ein Quatsch.“

Fahrsicherheitstraining – ist cool und macht Spaß!

Jeder Biker kann zur Sicherheit im Straßenverkehr beitragen. Stichwort Fahrsicherheitstraining. Stangl absolviert jedes Jahr zu Beginn der Saison mindestens ein 1-Tages-Training. „Ich finde es einfach klasse, auf einem freien und abgesperrten Areal die eigenen Fähigkeiten verbessern zu können. Da fühle ich mich wie ein Profi mit Privattrainer. Du stellst schnell fest, woran es vielleicht gerade hapert. Was ich noch viel wichtiger finde: Du lernst, wo deine Grenzen und die deines Bikes sind.“

Psychologisch gesehen verknüpft so ein Sicherheitstraining zwei Bedürfnisse miteinander – das Lustbedürfnis (zu biken) und das Sicherheitsbedürfnis (dabei gesund zu bleiben). Was wird trainiert? „Es gibt Basistrainings für die normalen Fahrkünste, Intensivtrainings, bei denen die Trainer in die Tiefe gehen, Wiedereinführungstrainings für Biker, die sehr lange nicht gefahren sind, oder auch Schräglagentrainings, wo primär Kurvenfahren geübt wird. Aber der Inhalt ist eigentlich egal – du wirst mit jedem Training besser und hast danach noch mehr Spaß am Fahren!“

Ein ganztätiges Fahrsicherheitstraining kostet zwischen 100 und 150 €. Für Stangl kein Grund, diese vielleicht lebensrettende Maßnahme nicht einmal jährlich zu absolvieren. „Blamieren tut sich da auch keiner, im Gegenteil, ich habe gerade beim Fahrsicherheitstraining auch vom Können und aus den Fehlern der anderen Biker gelernt. Wir haben doch alle die gleiche Leidenschaft!“

Fit und offen für Neues bleiben

Ohne Helm geht beim Biken gar nichts.

Was empfiehlt der leidenschaftliche Motorradler Stangl denn Gleichgesinnten außerdem? „Für das Fahren ist eine körperliche und geistige Fitness extrem wichtig. Du musst auf dem Rad permanent hellwach sein. Und das strengt die Sinne an. Legt lieber eine Pause mehr ein. Und haltet euch über den Winter mit Sport fit – ihr verbessert damit euer Körpergefühl und das ist beim Biken enorm wichtig.“

Können erfahrene und ältere Biker auch etwas von den Jüngeren lernen? „Na klar, wir verfügen über eine gute Regelkenntnis, der Führerschein liegt ja erst kurze Zeit zurück. Und auch, was die neueren Techniken angeht, sind wir meist gut informiert. Aber natürlich lerne ich auch gerne von den Älteren. Wenn da ein ‚alter Hase‘ vor dir seine sauberen Kurven fährt, musst du dem erstmal folgen können“, grinst Stangl.

Stangls kleine Checkliste für den Saisonbeginn

  • Technischer Check der Maschine (z. B. Verschleißteile überprüfen, Kettencheck, Reifenprofil uvm.)
  • Ausrüstungscheck inkl. Helm, Schuhwerk, Handschuhe. Bei Bedarf Material erneuern!
  • Sicherheitstraining absolvieren – da schaut der Trainer übrigens auch auf die Maschine
  • Ruhiger und vor allem konzentrierter Start in die Saison – erstmal nur bekannte Strecken fahren
  • Kürzere Touren planen und schönes Wetter abwarten
  • Gefühl für die Maschine bekommen – langsames Fahren, Austarieren der Maschine, Balancegefühl entwickeln, Blickführung trainieren

Ausführliche Tipps zum Start in die Motorradsaison findet ihr hier. 

Motorradfahrer lässt sich 32-mal blitzen.


4 Kommentare

  1. Michael Pulm sagt:

    Grundsätzlich bin ich mit Simon d’accord. Selbsüberschätzung, unvorbereitete Automobilisten, fehlende Fittness und Übung.
    Und es juckt zum Saisonbeginn.

    Aber was die Hälfte der tödlichen Unfälle im Alter von 30 – 60 betrifft. Ich denke das ist auch die mit Abstand grösste Gruppe der Motorradfahrer. Daher halt auch eine höhere Zahl an Unfällen. Leider. Vorausschauend und mit Bedacht, und Training, bester Ansatz.

    Ein Tipp. Geschicklichkeits-tourniere und/oder Motorradslalom. Bieten auch dem ADAC angegliederte Gruppen an. Macht irren Spass und übt ungemein.

  2. E. Salbert sagt:

    Viele tödliche Unfälle von Motorradfahrern wundern mich nicht. Wenn ich sehe mit welcher Geschwindigkeit viele unterwegs sind (weit über 100, z.T. über 200 auf Land- und Bundesstrassen sind die Unfälle doch schon vorprogrammiert. Erst heute kam mir (war mit dem Motorrad unterwegs) ein Motorrad auf einer Bundesstrassenkreuzung mit mindestens 150 in der 70ger Zone entgegen. Des weiteren wohnen wir in der Nähe einer Bundesstrasse, unbd man hört, dass viele Motorradfahrer bis zur nächsten Ampel ( ca. 1,5 km) auf weit über 100 beschleunigen. Ich fahre selbst seit über 40 Jahren Motorrad, Daher kann ich am Schalten und dr Drehzahl sehr gut die gefahrene Geschwindigkeit einschätzen. Das sind zum Teil die gleiche oder ähnliche Typen, die in Städten mit aufgemotzten Autos Rennen fahren, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen und dabei sogar Tote billigend in Kauf nehmen. Leid tun mir nur die Motorradfahrer, die vernünftig fahren und nur wegen der Unfähigkeit, Unvernunft oder Selbstüberschäzung anderer verunfallen.

  3. Achim.B sagt:

    „Motorradfahren: Mit Spaß und weniger Risiko“

    Ein interessanter Artikel, dem ich voll und ganz zustimmen kann. ABER, dann sollte das Bild am Kopf der Ausführungen (s.o.) auch dem Thema entsprechen!!!

    Dieser Fahrer fährt ohne sicherheitsrelevante Handschuhe!!!!!

    Bitte schnell korrigieren.

    • ADAC ADAC sagt:

      Hallo Achim, vielen Dank für deinen Hinweis. Du hast natürlich ganz recht.👍 Wir werden in Zukunft darauf achten, dass die verwendeten Symbolbilder auch den Sicherheitsempfehlungen für die Benutzung des dargestellten Fahrzeugs entsprechen. Viele Grüße

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