Langfristige Mobilitätsprojekte - Vorbild Niederlande?

In den Niederlanden hat der langfristige Blick in die Zukunft eine ausgeprägte Tradition. Auch in Sachen Mobilität beschreiten die Niederländer seit mehr als 40 Jahren mutige und unkonventionelle Wege. Wir werfen einen Blick über die Grenze und lernen dabei, dass Veränderungen einen langen Atem brauchen.

Zur Einstimmung einige Fakten: In den Niederlanden steht das größte Fahrradparkhaus der Welt, kann der Reisende mit einem e-Ticket fahrgastfreundlich den gesamten öffentlichen Verkehr des Landes nutzen, fahren mehr als doppelt so viele e-Autos wie in Deutschland und wartet auf die Stromer ein extrem dichtes, am Bedarf ausgerichtetes Ladesäulennetz. Eine beeindruckende Momentaufnahme im November 2018.

Um zu verstehen, warum die Niederlande in Sachen alternative und nachhaltige Mobilitätskonzepte anderen europäischen Ländern oft einen Schritt voraus sind, hilft ein Blick zurück. 1970 starben bei Verkehrsunfällen in den Niederlanden 3181 Menschen*. Diese Zahl führte in Kombination mit der Ölkrise 1973 zu einem radikalen Umdenken in der Verkehrspolitik. Zwei Maßnahmenpakete wurden geschnürt – eines zur Verbesserung der Sicherheit im Straßenverkehr, eines zur Gestaltung von Nachhaltigkeit in Sachen Umwelt.

Sicherheit ausbauen

1973 führten die Niederlande ein Bündel an Maßnahmen ein. Es bestand aus einem Tempolimit (100 km/h außerhalb geschlossener Ortschaften), der Gurtpflicht für Autofahrer, der Helmpflicht für Motorradfahrer und einer 0,5 Promille-Grenze. In einem freiheitsliebenden Land wie den Niederlanden sahen viele Bürger darin eine drastische Beschneidung ihrer individuellen Freiheit.

Die Maßnahme griff – es gab einen Rückgang der Verkehrstoten um 30 Prozent. 1988 wurde das Tempolimit dann wieder auf 120 km/h angehoben. Heute gelten auf Autobahnen 130 km/h. 2017 starben 613 Menschen im Straßenverkehr. Damit liegen die Niederlande im europäischen Schnitt nach wie vor weit vorne, auch wenn es seit 2015 wieder eine leichte Zunahme gibt. Neue Maßnahmen - wie ein Smartphoneverbot - werden diskutiert.

Nachhaltigkeit fördern

Fahrradparkhaus Utrecht Niederlanade
Modern und sinnvoll - am Hauptbahnhof von Utrecht steht das weltgrößte Fahrradparkhaus - mit demnächst 12.500 Stellplätzen.

Die Niederländer waren stets pro Fahrrad eingestellt, das Zweirad hat eine lange Tradition. 1973 begann die Förderung und Entwicklung einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Fahrradweginfrastruktur. Das Ziel: Unabhängiger von fossilen Brennstoffen werden. Der Weg dorthin war und ist kreativ. In den 1970er-Jahren wurde als Pilot das Verkehrsberuhigungskonzept "Woonerf" (zu deutsch: Wohnhof) entwickelt, der Vorgänger der Spielstraßen. In einem "Woonerf" sind die Straßenräume nicht automatisch für das Auto reserviert, sondern Fußgänger, Rad- und Autofahrer bewegen sich gleichberechtigt in diesem Rahmen.

Straßenbegrenzungen und Schilderwald im "Woonerf"? Fehlanzeige. Die einzelnen Verkehrsteilnehmer sollen hier vielmehr aufeinander Acht geben, ihre Geschwindigkeit anpassen und miteinander kommunizieren. Nach den ersten Installationen breitete sich das Konzept landesweit aus, 20 Jahre später gab es bereits mehr als 2700 dieser "Woonerven" in den Niederlanden.

Für die Niederländer ist das Fahrrad aber nicht nur liebgewordene Tradition, sondern im 21. Jahrhundert das Fortbewegungsmittel der Zukunft. Amsterdam hat mehr Fahrräder als Einwohner. Und in Utrecht entsteht das weltweit größte Fahrradparkhaus der Welt – mit 12.500 Stellplätzen. Dass Auto- und Fahrradverkehr einander nicht beschneiden müssen, zeigt etwa der Hovenring in Eindhoven (unser Titelbild), wo ein viel befahrener Auto-Kreisverkehr von einem schwebenden Radweg überspannt wurde, der an Stahlseilen von einem Pylon gehalten wird. Wie gesagt – der Weg zur Nachhaltigkeit ist in den Niederlanden kreativ.

Elektromobilität punktgenau fördern

Auch in Sachen e-Mobilität läuft es in den Niederlanden. Mehr als 120.000 e-Autos strome(r)n durch die Niederlande, mit einem aktuellen Marktanteil von 10 Prozent bei Neuzulassungen. Begünstigt wird diese Entwicklung sicherlich durch die im Vergleich zu Deutschland geringen Entfernungen, die innerhalb der Niederlande zurückzulegen sind.

Außerdem stimmt die Ladeinfrastruktur. Hier werden Ladesäulen nicht nach Schema F platziert, sondern nur dort, wo Bedarf herrscht. Anträge in Ballungsräumen werden unbürokratisch und schnell bearbeitet.

Weiterhin gibt es traditionell keine niederländischen Kfz-Hersteller auf dem Markt der Verbrennungsmotoren. Stattdessen exportieren die Niederländer nun ihre Ladeinfrastruktur – und das weltweit. Dass dahinter politischer Wille steckt, zeigt sich in der Aufstellung eines nationalen Aktionsplans für e-Mobilität, der bereits 2009 verabschiedet wurde – und konkrete Absatzziele formulierte.

Im privaten, gewerblichen und kommunalen e-Markt wurden massive finanzielle Anreize gesetzt – mit Förderprogrammen und Steuererleichterungen. e-Autos als Dienstfahrzeuge sind etwa auch bei privater Nutzung steuerbefreit. Da klingt es nur logisch, dass die niederländische Regierung 2017 beschloss, ab 2030 keine Fahrzeuge mit Benzin- oder Dieselmotor mehr zuzulassen.

Vorbild Niederlande?

Können wir in Deutschland etwas aus den Projekten der Niederlande lernen? Durchaus, auch wenn beide Länder infrastrukturell recht unterschiedliche Voraussetzungen haben. Es zeigt sich vor allem, dass großangelegte Projekte neben politischem Willen auch eine klare Kommunikation sowie einen langen Atem brauchen. Denn unsere Nachbarn ernten jetzt die Früchte eines Paradigmenwechsels, den sie vor mehr als 40 Jahren bewusst eingeleitet haben. Mobilität wurde von diesem Zeitpunkt an in den Niederlanden nicht mehr als isoliertes Thema, sondern als gesamtgesellschaftliches Phänomen und Projekt betrachtet. Zum Wohl von Menschen, Umwelt und Mobilität.

* Quelle: Forschungsgesellschaft für Verkehrssicherheit (SWOV), Niederlande

e-Mobilität in Deutschland: „Wo ist das Problem?“

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4 Gedanken zu “Langfristige Mobilitätsprojekte – Vorbild Niederlande?

  1. Dass heute noch so vehement an einer 100 Jahre alten Technik romgeschraubt wird, verstört mich schon eine Weile. Hier noch ein halbes Prozent effektiver, da noch scheinbar moderner. Ich finde das ja eigentlich sowas von dämlich….
    Sich heute über die Spritpreise aufregen, aber gleichzeitig alles blöd finden, was uns vom Öl unabhängig machen würde.
    Aber hey, wenn wir kein Öl mehr brauchen, wären ja tausende Tankwarte/innen arbeitslos. Das geht ja nicht. Erst so langsam kriechen die Chefs deutscher Firmen und Konzerne aus den Büros und merken, dass das was sie da bauen eventuell „demnächst“ keiner mehr will. Aber Schuld sind trotzdem erst mal die anderen. Lieber ein neues Facelift fürs nächste (Verkaufs-)Jahr auf den Markt bringen. Lieber noch ein paar Spaltmaße optimieren. Und dann, huch, andere Länder bauen da irgendwas ganz neues, das könnte uns ja gefährlich werden. Aber hey, wir bauen weiter das was wir immer gebaut haben, unsere armen Arbeitsplätze. Aber hey, das wird sich eh nie durchsetzen. Bauen wir lieber weiter das was wir schon immer gebaut haben. Okay, etwas überspitzt, aber genau so sehe ich unsere Wirtschaft. Nicht innovativ und unflexiebel bis dorthinaus. Außer die anderen „Bösen“ werden immer besser, aber selbst dann wird nur gejammert. Deshalb: Ein dickes Lob an die Niederlande. Und: Schade, wir waren mal das Land der Dichter und Denker.

  2. Ich sehe die Niederlande nicht als Vorbild für die Verkehrswende, aber als eine Nation, die es richtig gut macht, wo die Bevölkerung mitgenommen wird und mitmacht und eine Kultur daraus entwickelt. Man beobachte nur einmal die Radfahrer dort, an Ampeln wird angehalten, man gibt sich gegenseitig Handzeichen, man nimmt Rücksicht aufeinander, lässt anderen den Vortritt, fährt vorrausschauend, es herrscht kein Egoismus. Die Trennung der Verkehrswege, der Ampelphasen, all das trägt zu Verkehrssicherheit bei, zur gegenseitigen Akzeptanz. Das fehlt in Deutschland. In NL werden alle ins Boot gezogen.

  3. Ein Smartphoneverbot wird in den Niederlanden nicht nur diskutiert, sondern ist schon seit viele Jahre verboten.
    Zu beachten ist: nur das Telephone während die Fahrt in dem Hand festhalten ist verboten…

  4. mutige Verkehrswegearchitekten braucht auch gerade Deutschland mit seinen verstopften und verschmutzten Städten. Bitte lernt von den Besseren und erfolgsversprechenden Niederländern. Es wird uns gut zu Gesicht stehen und die Niederländer werden nicht böse drum sein.

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