Kreuzfahrtbranche – in schwerem Fahrwasser?

Die Kreuzfahrtbranche ist ins Schussfeld geraten. Gehen von Kreuzfahrtschiffen wirklich gesundheitliche Risiken aus? Wie sieht es mit der Umweltbelastung aus?

Die Kreuzfahrtbranche boomt, die Passagierzahlen erreichen neue Rekorde. Dennoch leidet das Image der Branche. Vor allem um Umweltschutz und Gesundheitsrisiken wird leidenschaftlich gestritten, wie unser Artikel “Kreuzfahrtschiffe – Rußstreifen am Horizont” zeigt. Wir lassen Experten zu Wort kommen. 

Dietmar Oeliger (links) vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) und Helge Grammerstorf vom Verband CLIA (Cruise Lines International Association)

Dietmar Oeliger vertritt als Leiter Verkehrspolitik die Ansichten des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Für die Kreuzfahrtbranche hat Helge Grammerstorf, National Director von CLIA (Cruise Lines International Association) Deutschland, unsere Fragen beantwortet. Beiden Experten haben wir die gleichen Fragen zur Beantwortung vorgelegt.

 

So sehen NABU und CLIA die Problematik

Welche konkreten technischen Maßnahmen werden auf Kreuzfahrtschiffen der aktuell fahrenden Generation bereits umgesetzt, um Umwelt und Menschen bestmöglich zu schützen?

NABU: Insgesamt sind die Umweltschutzmaßnahmen auf Schiffen nicht mit denen an Land zu vergleichen. Während Lkw und Pkw nahezu komplett mit schwefelfreiem Kraftstoff sowie Katalysator und Partikelfilter ausgestattet sind, findet man das bei Kreuzfahrtschiffen nur in Ausnahmefällen oder gar nicht. Eine Ausnahme bilden die neuen Schiffe von TUI Cruises und Hapag-Lloyd, die immerhin einen Katalysator zur Senkung der Stickoxidemissionen an Bord haben. Leider sind jedoch alle Schiffe weiterhin mit Schweröl unterwegs. In einzelnen Häfen versorgt AIDA Cruises einen Teil seiner Flotte während der Liegezeiten mit umweltfreundlicherem Flüssiggas (LNG).

CLIA: Alle Schiffe der CLIA-Mitgliedsreedereien erfüllen die gesetzlichen Vorgaben oder gehen darüber hinaus. Um die Emissionen auf hoher See zu verringern, nutzen sie entweder Treibstoffe mit einem niedrigeren Schwefelgehalt oder verwenden Abgaswasch- und Filteranlagen (Scrubber). Während der Liegezeit beziehen Schiffe ihren Strom zum Beispiel aus LNG oder sauberem Marinediesel. Alternativ können einige Kreuzfahrtschiffe auch Landstrom aus dem öffentlichen Netz nutzen, sofern dieser verfügbar ist.

Welche konkreten Schritte muss die wirtschaftlich boomende Kreuzfahrtbranche einleiten, um Belastungen für die Umwelt spürbar senken zu können, ohne dabei das Wachstum aufs Spiel zu setzen?

NABU: Der Verzicht auf das hochgiftige Schweröl ist die wichtigste Maßnahme, insbesondere in ökologisch hochsensiblen Gebieten wie der Arktis. Dies kann durch Einsatz von LNG geschehen oder durch den Umstieg auf Diesel. In Kombination mit einem Katalysator und einem Partikelfilter lassen sich somit die gravierendsten Umweltauswirkungen vermeiden.

CLIA: Filter, Katalysatoren, LNG – all diese Technologien mussten für große Schiffe erst entwickelt werden. Das hat die Kreuzfahrtindustrie gemacht – und das, obwohl sie weniger als ein Prozent der Schiffe auf den Weltmeeren einsetzt. Die Kreuzfahrtindustrie wird auch weiterhin in neue Umwelttechnologien investieren. In Zukunft werden neue Schiffe sowie die bestehende Flotte nach und nach damit ausgestattet. Klima- und Umweltschutz bleiben eine Daueraufgabe.

Gehen vom Treibstoff Schweröl konkrete gesundheitliche Gefahren für Menschen aus?

NABU: Verschiedene Studien belegen, dass Schiffsabgase ein großes Problem sind. Laut EU-Kommission sterben jährlich 60.000 Menschen allein in der EU vorzeitig durch Schiffsabgase. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Schiffsabgase in der krebserregenden Wirkung mit Asbest verglichen. Leider kann daran auch der Umstieg auf Schiffsdiesel wenig ändern. Notwendig ist daher der Einsatz von wirksamer Abgastechnik oder der Umstieg auf Gasantriebe.

CLIA: Es gibt bisher keine Studie, die belegt, dass es einen direkten, kausalen Zusammenhang zwischen den Abgasen aus dem Betrieb von Kreuzfahrtschiffen und Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen gibt. Dennoch setzen die Kreuzfahrtreedereien große Anstrengungen daran, den ökologischen Fußabdruck ihrer Schiffe zu verringern. So ist der verstärkte Einsatz von schwefelarmem Marinediesel bereits beschlossen. 2020 treten nach Einigung mit der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) neue Grenzwerte für Schwefel in Kraft. Und in Nord- und Ostsee gilt bereits jetzt ein Grenzwert von 0,1 Prozent. Im Hafen wird zudem nie Schweröl verwendet.

Warum gibt es noch keine unabhängigen offiziellen Messungen für die Schadstoffbelastung auf Kreuzfahrtschiffen? Was wird unternommen, um diese einzuführen und transparent zu machen?

NABU: Möglicherweise gibt es diese Messungen schon von Reedern, aber sie werden unter Verschluss gehalten, weil die Ergebnisse verheerend sind. Undercover-Messungen von ARD und ZDF auf Kreuzfahrtschiffen deuten darauf hin, dass die Passagiere an Deck hohe Konzentrationen an ultrafeinen Partikeln einatmen müssen.

CLIA: Für die Luftmessungen sind Behörden zuständig. CLIA befürwortet die kontinuierliche Messung von Schadstoffbelastungen – allerdings unter der Nutzung standardisierter und wissenschaftlich anerkannter Verfahren. Um relevante und vergleichbare Ergebnisse zu erzielen, sind ein streng wissenschaftliches Vorgehen, ein geeignetes Messgerät sowie der Ort und die Dauer der Messung von großer Bedeutung. Messungen der zuständigen Behörden der Länder und des Bundes haben gezeigt, dass alle CLIA-Mitglieder die einschlägigen Vorschriften einhalten oder übererfüllen.

Welche Vorteile für Umwelt und Menschen bietet ein Schiffsantrieb mit LNG? Ab wann werden diese eingesetzt?

NABU: Der Einsatz von Flüssiggas kann den Ausstoß von Partikeln und Stickoxiden erheblich reduzieren. Die Vorteile für den Klimaschutz sind jedoch überschaubar und werden oft geschönt dargestellt. Studien belegen, dass Flüssiggas eine ähnlich hohe Klimabelastung darstellt, wie derzeitige Schiffskraftstoffe. LNG ist bereits auf verschiedenen Schiffen im Einsatz. Das erste große Kreuzfahrtschiff mit LNG soll nächstes Jahr auf der Meyer Werft in Papenburg für AIDA Cruises vom Stapel laufen.

CLIA: Als alternativer Treibstoff bietet LNG viele Vorteile: Zum einen entstehen beim Antrieb durch Flüssiggas keinerlei Schwefeloxide und Rußpartikel. Zum anderen können Stickoxide um 80 Prozent und Kohlendioxide um 30 Prozent reduziert werden. Die CLIA-Mitgliedsreedereien haben derzeit schon 13 Kreuzfahrtschiffe im Wert von über acht Milliarden US-Dollar, die ausschließlich mit LNG fahren können, in Auftrag gegeben. Diese sollen zwischen 2018 und 2022 den Dienst aufnehmen.

Welche technischen Neuerungen sind kurzfristig erfolgversprechend bei der Reduzierung der Umweltbelastung durch Kreuzfahrtschiffe?

NABU: Der Verzicht auf das hochgiftige Schweröl ist die wichtigste Maßnahme, insbesondere in ökologisch hochsensiblen Gebieten wie der Arktis. Dies kann durch Einsatz von LNG geschehen oder durch den Umstieg auf Diesel. In Kombination mit einem Katalysator und einem Partikelfilter lassen sich somit die gravierendsten Umweltauswirkungen vermeiden.

CLIA: Neben dem zunehmenden Einsatz von LNG helfen auch Abgasreinigungssysteme. Diese verringern insbesondere den Ausstoß von Schwefeldioxid und Kohlendioxid erheblich. Weitere Maßnahmen, um die Emissionen auf hoher See kontinuierlich zu verringern, sind reibungsärmere Rumpfbeschichtungen, Luftblasenteppiche unter dem Rumpf und optimierte Rumpfformen.

Gibt es heute schon wirksame Partikelfilter, die für Schiffsmotoren bereits eingesetzt werden können? Falls nein, wann werden diese einsatzfähig sein?

NABU: Rußpartikelfilter sind bereits auf vielen Schiffen im Einsatz. Sie funktionieren leider nicht in Kombination mit Schweröl. Daher ist die Abkehr vom Schweröl ein erster, wichtiger Schritt.

CLIA: 99 Kreuzfahrtschiffe mit Abgasreinigungssystemen sind im Einsatz. Hinzu kommen Partikelfilter, die bereits im Einsatz sind. Eine Technologie für Kreuzfahrtschiffe, die die sogenannten ultrafeinen Partikel filtern kann, gibt es derzeit noch nicht.

Welches Schiff ist unter Umweltaspekten aktuell das “sauberste” auf den Weltmeeren?

NABU: Die neuen “Mein Schiff”-Schiffe von TUI Cruises und die MS Europa 2 von Hapag-Lloyd. Beim jährlichen Kreuzfahrtranking des NABU belegen sie die vordersten Plätze. Wirklich sauber sind diese Schiffe allerdings nicht, sondern allenfalls etwas weniger umweltbelastend als der weit überwiegende Teil der weltweiten Schiffsflotte.

CLIA: Als Verband äußern wir uns nicht zu einzelnen Reedereien oder Schiffen. Bitte haben Sie Verständnis dafür.

Stickoxide, Feinstaub und Co.: Unser ABC der Abgase erklärt die wichtigsten Begriffe.


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