Digitalisierung: Bleibt der Mensch auf der Strecke?

Was bedeuten die technische Entwicklung hin zum autonomen Fahren und die fortschreitende Digitalisierung in der Mobilität für den Menschen? Wird er dadurch in seinen freien Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt, verliert er vielleicht sogar Fähigkeiten? Oder überwiegen die Chancen die Risiken?

Eines ist sicher: In der Mobilität von morgen wird vieles anders sein – und fast alles neu. Zwangsläufig müssen wir unsere Rolle in diesem sich drastisch verändernden System neu definieren. Denn in einigen Jahrzehnten könnten wir statt als Fahrer nur noch als Passagier im eigenen Auto unterwegs sein und uns ganz den autonomen Steuerungssystemen anvertrauen. Diese könnten uns in der Folge eventuell sogar unserer menschlichen Intuition berauben, wie der Philosoph Thomas Wehrs in seinem aktuellen Buch "Störfall Mensch" behauptet. Der Mensch werde "zum Anhängsel einer Maschine, zum Erfüllungsgehilfen eines Algorithmus.  (...) Hier geht es um Macht und Dominanz, um die Frage, wer ist Herr, und wer ist Knecht. Die Technologie versucht derzeit, die Vorherrschaft zu übernehmen."

Jeder Mensch kann frei entscheiden

Verkehrspsychologin Nina Wahn ADAC
Verkehrspsychologin Nina Wahn erklärt, auf welchem Weg sich Autofahrer der Digitalisierung annähern könnten.

Eine durchaus drastische Sicht auf die Dinge, die unsere Verkehrspsychologin Nina Wahn nicht unbedingt teilt. "Ich kann doch als Mensch jederzeit frei entscheiden, welches Verhältnis von technischem Nutzen und digitaler Überwachung etwa über Datenspeicherung mir angemessen erscheint. Anders gesagt: Mein Kopf gehört mir."

Menschen entschieden sich vor allem aus Bequemlichkeit dafür, Software oder Apps zu nutzen, die mit dem Wissen des Nutzers dessen Daten verarbeiten. "Aber die Kompetenz, Technologien zuzulassen oder eben auch abzulehnen – die hat jeder Mensch", bekräftigt Wahn. "Viele lassen sich wie bei Google Maps von der Qualität des Angebots überzeugen und beißen bewusst in den sauren Datenapfel."

In der Tat hat jede Bequemlichkeit ihren Preis. Aber nach Ansicht von Nina Wahn ist es weitaus wichtiger, technische Fortschritte und Digitalisierung in der Mobilität nicht zu dämonisieren. Jeder Mensch, jeder Autofahrer müsse für sich selbst festlegen, was sie oder ihn als Menschen und freies Individuum definiert. "Nur dann kann ich entscheiden, welche technischen Angebote für mich persönlich eine ausgewogene Balance zwischen Nutzen und Risiken darstellen", erklärt die Verkehrspsychologin.

Mentale Modelle – eine Lösung?

In Bezug auf Chancen und Risiken des autonomen Fahrens hat Wahn einen konkreten Tipp für Autofahrer, die hier starke Bedenken haben. "Wir nutzen für jede bereits erlebte Mobilitätssituation ein eigenes 'mentales Modell' – etwa wenn wir Bahn oder Taxi fahren oder wenn wir fliegen. In diesen Situationen sind wir fremdbestimmt, machen uns aber über mögliche Folgen keine Gedanken mehr. Es ist Gewohnheit für uns. Bei unbekannten Situationen aber – und dazu zählt natürlich die Reise in einem automatisierten oder autonomen Fahrzeug – benötigen wir ein neues 'mentales Modell'."

Was verändert sich für den Fahrer?

Beim assistierten Fahrbetrieb wird der Fahrer mit neuen kognitiven Herausforderungen konfrontiert, etwa mit dem Überwachen des Steuerungssystems. "Nach einem Zeitraum von etwa 15 Minuten ermüden wir bei einer derart monotonen Aufgabe aber zusehends, schalten ab und sind nicht ad hoc in der Lage, eine komplexe, plötzlich auftretende Situation zu beherrschen. Dieses 'Out of the loop'-Phänomen ist durchaus gefährlich", erklärt Wahn. Diese Erkenntnis sorgt dafür, dass die Hersteller aktuell nicht mehr nach technischen Lösungen suchen, die eine "perfekte Unterstützung" anbieten.

Verlieren wir durch das automatisierte Fahren also auch kognitive Fähigkeiten? Fahrpraxis ist eine essenzielle Voraussetzung für die sichere Teilnahme am Straßenverkehr. Es ist daher nach Ansicht unserer Verkehrsexperten durchaus denkbar, dass Menschen bestimmte Kompetenzen verlieren, zum Beispiel wenn es üblich wird, etwa auf Autobahnen nur mehr automatisiert zu fahren. Wenn Menschen ausgerechnet in "schwierigen" Situationen – dazu zählen Baustellen, Verflechtungen, schneebedeckte Fahrbahnen, fehlende Fahrbahn-Markierungen – zur Übernahme der Fahraufgabe aufgefordert werden, während der Automat alle "leichten" Situationen bewältigt, ist dies problematisch.

Warum wir Deutschen gefühlt lieber selbst fahren

Ethische Fragen zum vernetzten und automatisierten Fahren

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