Das Wunder von Berlin: Die DBM-Rekordfahrt

Mit einem Elektroauto – ohne die Akkus nachzuladen – von München nach Berlin zu fahren, galt bislang als unmöglich. Immerhin wären das rund 600 Kilometer. Und so mussten wir uns nicht zweimal bitten lassen, diesen Rekordversuch als Augenzeugen zu begleiten. Eingeladen hatte die Berliner Technologieunternehmen DBM und „Lekker Energie“.

Im Vorfeld wird mitgeteilt: Wir starten in München am Montagabend. Das Auto ist ein normaler Mittelklassewagen, mit allen üblichen Sicherheits- und Komfortfunktionen. Mit einer ordentlichen Zulassung und Platz für vier Personen. Wir können zwar nicht im Elektroauto mitfahren, aber in einem Begleitfahrzeug.

20.15 Uhr Nach langem Suchen erreiche ich das THW-Gelände in München, gleich hinter dem Forschungszentrum von BMW. Soll die Rekordfahrt etwa mit einem BMW stattfinden? Als sich ein Werkstatt-Tor öffnet, kommt ein Audi A2 zum Vorschein. Das also ist er, der Wagen mit der sagenhaften Reichweite. Am Steuer sitzt Mirko Hannemann, Chef der Firma DBM Energy. Hannemann, obwohl noch sehr jung, hat die Batterien im A2 entwickelt. Typ: Lithium-Eisen-Polymer. Für Gabelstapler werden die schon längst von DBM produziert. Sie gelten als sehr leistungsfähig und auch als bezahlbar. Hannemann hat nichts anderes gemacht, als diese Technologie auf den Pkw zu übertragen. Wieso – so stellt sich mir die Frage – haben nicht die namhaften deutschen Forschungsinstitute oder die Industrie längst eine solche Batterie entwickelt? Doch wohl kaum, um sich jetzt von diesem vermeintlichen Nobody vorführen zu lassen.

20.30 Uhr Ministerialrat Dr. Goerdeler vom Bundeswirtschaftsministerium drückt den symbolischen Startknopf. Er war es, der den Kontakt zu Hannemann aufgebaut hat. Und der die Förderung des Projektes initiierte. 275.000 Euro hat DBM aus dem Konjunkturpaket der Bundesregierung für die Entwicklung bekommen. 500.000 Euro beträgt das vom Ministerium veranschlagte Gesamtbudget. Als weiterer Geldgeber und Projekt-Partner sitzt die Lekker Energie, ein kleiner regionaler Stromanbieter, mit im Boot. Der A2 rollt vom Gelände. Ein Tross von vier Begleitfahrzeugen hinterher. In einem kleinen Bus wir Pressevertreter. In einem Dienst-Mercedes der Ministerialbeamte. Bevor es auf die Autobahn geht, drehen wir noch eine kleine Schleife durch die Stadt. Abends und nachts zu fahren, hat verkehrstechnische Vorteile. Es ist nicht viel los auf den Straßen. Nachteil für den Rekordversuch: Das Fahrlicht benötigt Strom, und der kommt aus der Batterie. Das allein dürfte die Reichweite einschränken. Außerdem ist es kalt, etwa 2 Grad. Das ist gemeinhin besonders schlecht für die Leistungsfähigkeit einer Batterie. Merkwürdig: Der Notar zur Beglaubigung der Rekordfahrt hat abgesagt. Die Vertreter aus dem Bundeswirtschaftsministerium müssen als Leumund reichen. Auf der Autobahn könnte der A2 160 km/h fahren. Das will Hannemann aber nicht. Der will in dieser Nacht einen Weltrekord für Elektroautos aufstellen. Also fährt er nur 80 bis 90 km/h. Ob er auch die Heizung kalt lässt? Wir wissen es nicht.

21.35 Uhr Gerade eine Stunde sind wir jetzt gefahren – und stecken schon im Stau. Ein Unfall. Das eine von zwei THW-Fahrzeugen schaltet das Blaulicht ein, schwenkt auf die Standspur, der Elektroauto-Konvoi hinterher. Abfahrt Allershausen A9. Umleitung über kleine Ortschaften. Aufham, Oberthann. Es läuft gut. Die Blaulichter lassen wir links liegen.

22.05 Uhr Wir sind jetzt 90 Kilometer gefahren.

22.20 Uhr Wir passieren Ingolstadt. Bergauf wird das Elektroauto voraus langsamer. Das Tempo fällt unter 70 km/h, bergab nehmen wir wieder mehr Fahrt auf. Schneller als 100 km/h aber kaum.

23.10 Uhr Noch 5 Kilometer bis zum Rasthof Nürnberg Feucht. Kilometer-Stand: 178. Schilder beziffern die Entfernung zur nächsten Tankstelle. Schilder zur nächsten E-Säule gibt es freilich noch nicht. Für wen auch? „Unser“ A2 da vorn ist eine absolute Rarität.

23.20 Uhr Wir biegen auf die Autobahn ab Richtung Berlin. Immer wieder ziehen Lkw an uns vorbei. Die sind schneller.

23.25 Uhr Die 200 Kilometer sind erreicht. Das schafft bisher nur ein Tesla.

0.00 Uhr 248 Kilometer liegen hinter uns

0.05 Uhr Eine Polizeistreife scheint sich für den Konvoi zu interessieren. Zieht aber bald davon. Kurz darauf kassiert der A2 gleich zwei Lkw. Langsamfahrer machen sich verdächtig.

00.38 Uhr Herr Reckermann, PR-Mann dieser Demonstrationsfahrt, zeigt drei Finger hoch. 300 Kilometer sind vollbracht.

00.55 Uhr Zwischenstopp bei Kilometerstand 323. Nicht zum Aufladen, sondern zum Fotografieren. Eine erste Bestmarke sei damit gesetzt, heißt es. Wo die Zahl herkommt? Ist im Moment doch egal, weiter geht’s nach einer kurzen Pause.

01.30 Uhr Re-Start. „Wir wollen nach Berlin, Berlin“

02.10 Uhr Der Elektro-A2 läuft und läuft und läuft. Genauso schnell (oder so langsam) wie zuvor.

02.15 Uhr Tempoerlebnis: Wir sind schneller als die Deutsche Post, überholen zwei Paket-Laster.

02.21 Uhr Die Deutsche Post schlägt zurück.

02.22 Uhr Der Elektro-Konvoi läuft auf einen Schwertransport auf. Es ist das erste Mal, dass der A2 auf der BAB bremsen muss.

02.35 Uhr Zum x-ten Mal fühlt sich ein Lkw-Fahrer von der ungewöhnlich langsamen Pkw-Kolonne behindert und betätigt die Lichthupe. Wo sollte auch sein Verständnis herkommen. Er weiß ja von nichts. Morgen wird er’s vielleicht in der Zeitung lesen.

02.41 Uhr Sage und schreibe 426 Kilometer liegen hinter uns.

02.54 Uhr Schild: Berlin noch 174 km. Ob der Akku tatsächlich bis dahin reicht?

03.10 Uhr Unser Pressebus setzt sich vom Konvoi ab, fährt zügig voraus.

03.20 Uhr Vom A2 keine Spur mehr. Er liegt meilenweit zurück. Ein Trick? Das Auto ist doch wohl nicht unbeobachtet beim Nachladen? Bis Berlin sind es noch 130 Kilometer.

03.50 Uhr Der Pressebus hat sich zurückfallen lassen. Jetzt ist der Konvoi wieder komplett. Der A2 läuft und läuft. Bis Berlin noch 100 Kilometer.

04.00 Uhr An einer Steigung wird der A2 erschreckend langsam. Ist es jetzt aus und vorbei?

04.15 Uhr Es geht noch voran. Das Elektroauto kann sogar normales Tempo aufnehmen. Immer zwischen 80 und 90 km/h. In einer halben Stunde könnte Berlin erreicht sein. Ja, will der A2 denn nie schlapp machen?

04.45 Uhr Der Pressebus setzt sich erneut ab, soll das Elektroauto im vorbereiteten Ziel gebührend in Empfang nehmen. Es wartet ein „großer Bahnhof“.

04.55 Uhr Alles wartet.

05.00 Uhr Alles wartet. Wo bleibt der A2?

05.10 Uhr Erklärung: Der A2 ist vorbeigefahren, um noch ein paar Kilometer zu machen.

05.20 Uhr Der elektrische A2 läuft ins Ziel. Blitzlichtgewitter. Jubel. Applaus. Gesamte zurückgelegte Reichweite: 605 Kilometer. Restkapazität der Batterie: 10 Prozent. Es wäre demnach noch ein bisschen mehr gegangen. Hannemann dankt seinem 50-köpfigen Team, das es geschafft hat, den Elektro-A2 in nur sechs Wochen aufzubauen. Fast rund um die Uhr habe die Mannschaft geschuftet.

08.00 Uhr Empfang im Bundeswirtschaftsministerium. Minister Rainer Brüderle spricht vom Durchbruch in der Elektromobilität. Und davon, dass die Batterietechnologie von DBM jetzt möglichst schnell in die Serienfertigung gehen müsse. Hannemann erklärt, dass er über die Produktion und Lieferung der Akkus mit den großen Autoherstellern Gespräche führe. Ergebnis? Offen. Für mich steht fest: Wir bleiben am Thema dran.

Technische Daten Audi A2 von DBM*
* mit Vorbehalt

Leergewicht (incl. Fahrer) 1260 kg
Zul. Gesamtgewicht 1600 kg
Batterie Lithium-Eisen-Polymer (260 Ah/380 V) Zellspannung 3,8 Volt
Batteriegewicht ca. 300 kg
Ladezeit netzbedingt ca. 4 Stunden bei Drehstrom im Haushalt (380V)
batteriebedingt 6 Minuten (Zukunftslösung)
Ladezyklen Lebenszeit 2500 (ohne Kapazitätsverlust)
= Lebensdauer erreichbares Ziel: 500000 Kilometer
Höchstgeschwindigkeit 160 km/h
Getriebe sequentiell 5-Gang (Renngetriebe: Schalten ohne zu kuppeln)
E-Motor 300 Nm Drehmoment

Stand: Oktober 2010


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