Sehnsucht nach Sardinien

Ab durch die Mitte: Mit einem Mazda MX-5 erkundet Autorin Elena Witzek das Hinterland von Sardinien wie hier in Aggius.

Sardinien, Italiens zweitgrößte Insel, ist ein Traumziel der Deutschen. Neben „Südsee“-Stränden gibt es auf einer Autotour durch den Norden noch viel mehr zu entdecken.

Haltestelle: Pause mit Panoramablick auf der Straße zwischen Alghero und Bosa.

Verschlafen rollen wir zwischen Wohnmobilen, Kleinbussen und italienischen Sportwagen aus dem Bauch der Fähre hinaus in die Morgenluft von Olbia. 20 Stunden ist es her, da prasselte noch Regen auf das Dach. Die Reise begann in München – mit leichter Kleidung und Sehnsucht im Gepäck. Sehnsucht nach Sonne und Fruchteis, Freiheit und Unbeschwertheit. Mit dem Cabrio möchten wir das Urlaubsland unserer Kindheit erkunden. Sardinien, Italiens Sonneninsel im Mittelmeer.

Von der Hafenstadt Olbia im Norden führt der Weg in die Freiheit über Capo Testa. Die Strecke ist voller Tempo-50-Schilder, die von den Inselbewohnern mehr als Empfehlungen denn als Vorschriften betrachtet werden. Die Vorfahrt scheint durch Hupen geregelt zu werden. Wir passen uns an: mit offenem Dach, die Haare im Wind und die Gedanken ganz frei.

Das Valle della Luna ist ein Tal auf der Halbinsel Capo Testa, in dem sich vor vielen Jahren Hippies niedergelassen haben, um fernab gesellschaftlicher Zwänge zu leben. Bei guter Sicht blickt man von den abgewaschenen Granitfelsen bis nach Korsika. Im wassernahen Felsenmeer leuchtet ein Holzverschlag mit rotem Vorhang in der Sonne, daneben ein rostiger Liegestuhl. Hippies sind aber keine zu sehen.

Salbei-Ravioli, Wein und Geschichten über einen stummen Banditen

Drei Stunden später händigt uns ein winziger alter Mann einen klobigen Schlüssel aus und sagt: „Fühlt euch wie daheim.“ Mit knochigen Fingern deutet er auf ein Bauernhaus. Wir sind bis Aggius gefahren, in ein Örtchen in der Gallura-Region im Landesinneren. Dort gibt es ein Agriturismo, einen Bauernhof mit Hotelbetrieb, der nach einem legendären stummen Banditen benannt ist, Il Muto di Gallura. Der Besitzer Gianfranco Serra hat ein Buch über ihn geschrieben. Der Hof, zu dem bis auf das Zwitschern der Vögel selten ein Laut vordringt, ist von Steinhütten und Korkeichen umgeben.

In der Stube des Bauernhauses hängen alte Bilder, hinter dem Stall stehen die Ziegen, aus deren Milch Gianfranco Käse macht, der Esel und die Weinreben. Abends versorgt er seine Gäste mit Minestrone, selbst gemachten Salbei-Ravioli und Wein. Der Stumme von Gallura, erzählt er Abend für Abend, habe in einer Zeit großer Ungerechtigkeit gelebt. Seine Liebe galt einem Mädchen, dem er niemals nah sein durfte, weil er einem verhassten Clan angehörte – und stumm war. Also verließ er die Gemeinschaft und wurde zu einem gefürchteten Banditen mit unstetem, aber freiem Leben.

Am nächsten Tag reisen wir weiter Richtung Westen. Im Radio singt Vasco Rossi „Come vorrei“, eine Hymne auf die Flucht aus dem realen Leben und seiner Komplexität, während Wolken über den Himmel treiben und Sonne und Schatten abwechselnd über unsere Köpfe ziehen.

In Asinara leben heute weiße Esel statt Mafiosi

Wir übernachten im Küstenort Castelsardo, einer Ansammlung von rötlich-braunen Häuschen auf einem Felsen über dem Meer, die noch aus der Herrschaftszeit der Aragonier stammen. Am nächsten Morgen erreichen wir in der kühlen Morgenluft den äußersten Nordwesten. Vor der Küste ragt eine karge Insellandschaft aus dem Meer. „Das Alcatraz Italiens“, sagt Vera Pittalis, eine Frau mit dunkelblonden Haaren und forscher Stimme. Sie arbeitet für einen Tourenanbieter und führt Gäste über die ehemalige Gefängnisinsel. Weiße Esel und eine Schildkröten-Klinik gebe es dort, sagt sie.

Mehr als 100 Jahre lang war Asinara eines der sichersten Gefängnisse, seit den Neunzigern ist es ein Nationalpark ohne einen einzigen Baum. Als Mafiosi und Terroristen auf der Insel untergebracht waren, hätten die Behörden alle größeren Gewächse niedergebrannt – wegen der Fluchtgefahr, erzählt Vera. So wurde die Insel, die von gefährlichen Strömungen umspült wird, zu einer der sichersten Festungen der Welt.

Am Abend übernachten wir auf einem Campingplatz nahe Alghero unter Pinienbäumen. Während die Sonne hinter einem Maschendrahtzaun untergeht, essen wir Pasta, trinken Rotwein und spielen Kniffel. Fast so wie früher.

Riesenpizza, Korallenschmuck, stickende Mädchen und Feigeneis

Die Kleinstadt Alghero mit ihren knapp 44 000 Einwohnern war lange eine Bastion der Katalanen, die sie mit dicken Mauern umschlossen. Was man hier vergeblich sucht: McDonald’s, H & M und Starbucks. Was es dafür an jeder Ecke gibt: Riesenpizza, Korallenschmuck, stickende Mädchen, die Handtücher und Schürzen verkaufen, und in der Eisdiele Igloo, direkt an der Promenade, das beste Feigeneis der Welt. Wir essen uns satt daran, bis die Sonne hinter dem Festungswall verschwindet.

Ein Blick aufs Meer, wie es weit und still vor der Stadt liegt. Es sagt: Alles ist offen. Zeit aufzubrechen, zurückzufahren. Auf der Küstenstraße von Alghero nach Bosa fließt die Sonne langsam über die Bergkuppen. Wir fahren schneller als 50 km/h und hupen gelegentlich. Das Rauschen des Meeres im Ohr, über uns der Geruch der Freiheit – er begleitet uns noch eine ganze Weile. Wie damals.

Quelle: Elena Witzeck, ADAC Motorwelt 4/2017.

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Katharina
Katharina
PR Referentin, Digitale Kommunikation (DKO)

2 Kommentare

  1. Rudi und Dagmar sagt:

    … bis auf das Zwitschern der Vögel …
    … seine Liebe galt einem Mädchen, dem er nie zu nah sein durfte …

    kein Wort über Preise der Fährverbindung, aber Hinweis auf eine Eselklinik.

    Der Artikel gehört in ein Poesiealbum, aber nicht in die Motorwelt.

    • ADAC ADAC sagt:

      Hallo Rudi und Dagmar, der Beitrag auf unserem Blog bezog sich nicht auf auf einen Artikel in der Motorwelt. Sechsmal im Jahr gibt es ein ADAC Reisemagazin zu einer Region. Die ADAC Reisemagazine beleuchten die jeweilige Region auf sehr vielfältige Weise und sind käuflich zu erwerben. Dort findet ihr Tipps abseits der üblichen Touristenpfade aber selbstverständlich auch Tipps zur An-/Abreise. Eine Übersicht der ADAC Reisemagazine findet ihr hier =>http://bit.ly/ADAC-Reisemagazin. Viele Grüße.

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