Gaffen geht gar nicht!

Verfall der Sitten: Wo Hilfsbereitschaft gefragt wäre, dominiert der Voyeurismus

Gaffer gab es schon bei den Römern. Heute behindern diese Retter, filmen per Smartphone und leisten keine Hilfe. Psychologie-Professor Jürgen Bengel von der Uni Freiburg erklärt das Phänomen von Schaulustigen. Sein Rat bei untätigen Zaungästen: aktiv werden, statt rumstehen.

Psychologie-Professor Jürgen Bengel von der Uni Freiburg weiß: „Gerade bei Unfällen an belebten Plätzen bilden sich schnell Menschentrauben. Ein Zuschauer zieht den nächsten an.“ Die spontan entstandene Gruppe legitimiert dann das eigene Tun, frei nach der Devise: Wenn so viele hier rumstehen, muss es ja sehr interessant sein. Autofahrer werden aggressiv, weil sie warten müssen.

Sind wir alle Gaffer?

Jürgen Bengel: Nein, aber Beobachter. Droht Gefahr oder ändert sich etwas am Umfeld, orientieren wir uns instinktiv und schauen hin. Es wäre ungünstig, es nicht zu tun.

Wo beginnt dann das Gaffen? 

Jürgen Bengel: Nach dieser ersten Orientierung. Wenn klar ist, dass keine Gefahr für mich selbst droht, fängt das Befriedigen der eigenen Sensationslust an. Das ist zu verurteilen – und zwar moralisch, aber auch, weil durchs Gaffen Rettungsarbeiten behindert werden.

Was bedeutet das für die Retter? 

Jürgen Bengel: Ein doppeltes Ärgernis. Praktisch, weil Zufahrten zur Betreuung der Opfer versperrt werden. Emotional, weil man als Retter hofft, dass in einer solchen Rettungssituation alle an einem Strang ziehen. Der Gaffer aber zieht nicht mit, er glotzt nur und behindert.

Kann man eine solche Situation ändern? 

Jürgen Bengel: Ich war selbst im Rettungsdienst. Ein bewährtes Prinzip ist es, Schaulustigen eine Aufgabe zu geben. Das durchbricht das Nichtstun. Für Unfallzeugen oder Unbeteiligte heißt das: Werden Sie selber aktiv. Fordern Sie Umstehende zur Hilfe auf – 112 wählen, Unfallstelle sichern, mit Verletzten reden. Es gibt zu tun.

Genau wie Polizei und Feuerwehr setzt Jürgen Bengel auf möglichst guten Sichtschutz – mobile Wände etwa, wie sie in Bayern oder NRW bereits im Einsatz sind. „Damit zeigen wir: Es lohnt sich, nicht stehen zu bleiben.“ Das schützt die Opfer. Und die Gaffer – denn kein Zuschauer übersteht den Anblick blutender Menschen und zerschmetterter Knochen ohne psychische Schäden.

Quelle: ADAC Motorwelt 05/2017


Katharina
Katharina
PR Referentin, Digitale Kommunikation (DKO)

3 Kommentare

  1. Borgmann Wolfgang sagt:

    Ich finde es sehr bedenklich, dass viele unserer Mitmenschen jeden Respekt voreinander verlohren haben. Mir scheint es ist an der Zeit, dass direkte Strafen all denen die sich so verhalten, folgen sollten.

    Reine Verwarnungen mit Fahrverboten sind nicht wirksam. Aber Hochstufung in der Versicherung um mindestens 2 Schadensklassen bis hin zur Beschlagnahme von Handy und Fahrzeug. Könnte vieleicht ein Umdenken bewirken.
    Denn alle anderen Apelle haben bislang nichts bewirkt.

  2. Vielleicht sollte man zu jedem Einsatz ein Feuerwehrfahrzeug mitschicken. Gaffer werden dann weggespritzt – wenn sich das rumspricht, werden sich diese Menschen ihr Verhalten überdenken (die Hoffnung stirbt zuletzt!).

  3. Reiner Buß sagt:

    Gaffer gehören hart bestraft wegen unterlassener Hilfeleistung.Alle wie sie da sind.Es wird auch von den Polizisten zu wenig unternommen diese zu beseitigen oder den vorbeifahrenden Verkehr zu beschleunigen.Sichtschutzwände sind eine gute Idee.

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